Interview ED MOSCHITZ über Mama Illegal

 

 

EdMoschitz_webWorum geht es in MAMA ILLEGAL?
Ed Moschitz: MAMA ILLEGAL ist ein Film über drei Frauen, die ausgezogen sind, um für sich und für ihre Familien ein besseres Leben zu finden und die letztlich dafür einen sehr hohen Preis zahlen. Das Tragische ist, dass wir am Ende des ganzen Drehprozesses und am Ende des Schnitts sagen können: Illegale Einwanderung zerstört Familien. Sie zerstört Beziehungen. Man muss irgendetwas für das Land machen, damit es nicht länger so bleibt.

MAMA ILLEGAL ist ein Film über das Thema Illegalität. Warum haben Sie sich damit beschäftigt?

Ich denke, dass MAMA ILLEGAL dazu beitragen kann, eine Lösung für diese Menschen zu finden. Journalisten und Filmemacher versuchen ja immer wieder Themen anzureißen, aber sie können halt nicht immer Lösungen finden. Es ist auch letztlich nicht unsere Aufgabe, sondern die der Politiker, Lösungen zu finden. Aber ich denke, es ist unsere Aufgabe den Politikern die Themen auf den Tisch zu legen, damit sie die Möglichkeit haben, zu reagieren. Mit Schweigen verändert sich halt nichts. Das sind Menschen, die hier unter uns leben. Die treffen wir auf der Straße, die treffen wir beim Billa. Sie haben halt kein Schild umgehängt, wo darauf steht „Ich bin ein Illegaler“. Ich kenne viele Menschen, die im öffentlichen Leben stehen, die solche Leute beschäftigt haben. Es ist Teil unserer Lebensrealität. In Westeuropa gibt es einen Bedarf für diese Menschen. Wir brauchen Leute, die auf unsere Kinder aufpassen, wir brauchen Leute, die unseren Haushalt sauber machen, wir brauchen Menschen, die auf die älteren Personen aufpassen. Aber die Frage ist, was tun wir mit dieser Form von Immigration? Was zerstören wir damit, wenn wir diese Leute beschäftigen?

Gibt es eine Vorgeschichte zum Projekt MAMA ILLEGAL?
Vor acht Jahren haben meine Lebenspartnerin ich uns nach einem Babysitter umgesehen. Freunde haben uns erzählt, dass es eine junge Moldawierin gibt, die sehr nett ist und sehr gut mit Kindern umgehen kann. Wir haben Aurica zu uns nach Hause eingeladen. Sie konnte mit Kindern irrsinnig toll umgehen. Sie war nett, wir haben sie sofort in unser Herz geschlossen und sie ist irgendwie sofort Teil unserer Familie geworden. Ich habe dann erst viel später erfahren, dass sie illegal in Österreich ist. Interessant ist es dann für mich geworden, als ich gehört habe, dass sie selber zwei kleine Kinder in Moldawien hat. Das wollte ich nicht akzeptieren. In welcher Welt leben wir, wo wir eine Babysitterin haben, die illegal hier sein muss, auf unsere Kinder aufpasst und selbst zwei Kinder zuhause hat. Die Frage war einfach „Was ist der Unterschied zwischen ihren Kindern und meinen Kindern?“ Es ist dann die Idee entstanden, mit ihr mit nach Hause zu fahren, ihre Kinder, ihre Familie, ihren Mann kennen zu lernen. Ich war sehr interessiert daran, wie jemand ein Illegaler wird. Das war eigentlich der Start von MAMA ILLEGAL.

Was ist der Unterschied zwischen der Fernseharbeit und der Arbeit an einem Kinofilm?

Der Film war ja am Anfang überhaupt nicht für das Kino geplant. Wir haben zuerst einmal eine Fernsehreportage für die Sendung „Am Schauplatz“ gemacht. Erst als wir bemerkt haben, dass dieses Thema unglaublich spannend ist, haben wir überlegt, weiter an Aurica und anderen Frauen dranzubleiben und ihre Lebensgeschichte weiter aufzuarbeiten. Wir habeEdMoschitz1_webn uns dann um eine Kinoförderung bemüht. Ich war da sehr froh darüber, weil das war die erste Möglichkeit für mich, überhaupt einen Kinofilm zu machen. Die Arbeit war insofern völlig unterschiedlich, weil man beim Fernsehen sehr viel natürlicher den Text korrigieren kann. Der Schnitt ist bei Weitem nicht so auffällig wie im Kino. Im Kino muss das viel Selbstragender sein und der Zugang zu den Personen ist natürlich letztlich dann auch ein ganz anderer. Man hat mehr Zeit, weil man mehr in Vertrauensarbeit investieren kann. Die Schwierigkeit war sicher aus einem Material so aufzuarbeiten, dass es selbsterklärend erzählt wird. Mit der Kinoförderung war es uns dann möglich, diese Geschichten länger zu begleiten und das Thema in einem größeren Rahmen zu zeigen. Die Menschen verändern sich in der Zwischenzeit, sie sind nicht mehr die, die sie vorher waren, wenn sie zu Hause zurückkehren. Die TV-Reportage haben damals 500.000 Menschen gesehen. Die Zahlen waren beeindruckend, aber waren letztlich nur national. Der Vorteil bei dem Kinofilm ist, dass dieser weltweit gezeigt werden kann.



Wie kann man sich die aktuelle Situation Moldawien vorstellen? Viele Putzfrauen kommen aus osteuropäischen Ländern. Was bedeutet ihre Auswanderung für ihre Heimatländer?

Moldawien ist ein Fass ohne Boden. Moldawien ist das ärmste Land Europas. Es ist ein Entwicklungsland, es hat die gleichen ökonomischen Daten wie der Sudan. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich das erste Mal nach Moldawien gekommen bin. Die Menschen waren unglaublich freundlich zu mir, es gab gutes Essen und diese Menschen verstehen es einfach, zu feiern, das ist das Positive. Das Problem ist, dass sie kein Geld und keine Arbeit haben. Es gibt ländliche Regionen, wo die Arbeitslosigkeit bei 80 Prozent liegt. Die Leute haben keine Chance einen Job zu bekommen. Sie haben keine andere Wahl, als mit Schleppern nach Westeuropa zu fahren, um hier Wohnungen zu putzen, auf Kinder aufzupassen oder ältere Menschen zu pflegen.
Diese Putzfrauen sind aus Moldawien, aber das heißt nicht, dass sich das Problem der illegalen Immigration nur auf Moldawien beschränkt. Früher waren auch Polen, Rumänien und Bulgarien davon betroffen. Heute sind sie Teil der Europäischen Union und müssen nicht mehr illegal hier her kommen. Moldawien hat oder sollte eigentlich vier Millionen Einwohner haben. Ich glaube, mehr als eine Million ist aus dem Land weg gegangen. Für das Land bedeutet das letztlich: Sie haben keine Lehrerinnen, sie haben keine Kindergärtnerinnen, keine Krankenpfleger, keine Ärzte. Dadurch zerbricht die ganze Gesellschaftsstruktur.

Wie war die Arbeit mit den illegalen Frauen und warum haben sie sich Ihrer Meinung nach dem Risiko ausgesetzt vor die Kamera zu treten?

Das muss für die Frauen eigenartig gewesen sein, weil sie normalerweise genau das Gegenteil machen: sie wollen nicht auffallen, sie verstecken sich. Sie passen auf, dass sie in der Öffentlichkeit niemals auffallen. Es war letztlich sehr mutig von ihnen, dass sie mitgemacht haben. Viele Frauen sind auch abgesprungen. Ich habe erst mit sieben gearbeitet und drei sind dann in dem Film geblieben. Das waren auch die Mutigsten, die sich getraut haben, öffentlich zu machen, was in ihrem Leben passiert ist. Ich kann mir vorstellen, dass sie mitgemacht haben, weil es ihnen wichtig war, ihr ganzes Schicksal zu erzählen.

Meist bleiben die Männer mit den Kindern zurück? Wie gehen sie mit der Situation um?
Das Problem dieser Männer ist, dass sie nicht so wie wir erzogen sind. Sie wurden völlig anders sozialisiert. Das sind Männer, die auf ein Erwerbsleben vorbereitet wurden. Jetzt gehen die Frauen nach Westeuropa, sie bringen das Geld, die Männer sind allein zu Hause mit den Kindern. Sie sollen das Brot backen, sie sollen die Wäsche waschen, sie sollen die Kinder in der Früh zur Schule bringen. Das hat dort letztlich alles durcheinander gebracht. Das heißt, sie haben eine irrsinnige Angst und diese Angst ist auch begründet. Viele Frauen kommen auch nicht mehr zurück. Die bleiben einfach hier, weil sie hier ein anderes Leben kennen gelernt haben. Meist ist das der Rest, der das ganze System zu kippen bringt und dann steht die Trennung bevor. Die Männer verstehen nicht, warum die Frauen sich so verändert haben. Die Frauen verstehen nicht, warum die Männer immer noch so sind, wie sie früher waren.

Was sind Ihrer Meinung nach Lösungsvorschläge?
Schweigen ist für mich keine Lösung. Über ein Tabuthema zu reden, finde ich sinnvoller. Man kann nämlich den Menschen sonst nicht helfen. Diese Frauen zahlen vier bis fünf Tausend Euro an die Schlepper, um nach Westeuropa zu kommen, bezahlen dann noch sehr hohe Zinsen für Kredite, die sie auch von den Schlepper genommen haben. Was wäre, wenn man diese Frauen legalisiert und wenn man dieses Geld hernimmt und daraus zum Beispiel Entwicklungshilfemaßnahmen macht? Wenn man versucht, dieses Geld dahin gehend zu investieren damit die Menschen in diesem Land Möglichkeiten haben, die sie vorher nicht hatten. Menschen in die Illegalität zu treiben, heißt letztlich immer ein korruptes System von Schleppern und Kriminellen zu finanzieren. Striktere Grenzsicherung bedeutet letztlich nur, dass die Preise für diese illegale Immigration steigen. Es ist ein Teufelskreis. Man sollte Politiker finden, die auch überlegen, ob man für dieses Land Entwicklungshilfemaßnahmen setzen kann. Andererseits, dass man Möglichkeiten für diese Frauen sucht, damit sie in einen Job zu finden und nicht illegal ihr Dasein fristen und die Kinder so viele Jahre allein bleiben müssen.

Wie war die Arbeit mit den Kindern?
Es war nicht ganz so einfach, mit den Kindern dort zu reden. Erstmal sprechen sie eine andere Sprache und ich kann kein Moldawisch oder Rumänisch. Sie sind auch nicht gewohnt, über ihre Emotionen zu sprechen. Wir haben die Situation in der Schule gefilmt, als die Kinder Zeichnungen gemacht haben. Als es über ihre Träume und Wünsche ging, hat mich das sehr betroffen gemacht, weil da fast immer die Mütter vorgekommen. Was man dort schon merkt, ist dass ganze Generationen traumatisierter Kinder heranwächst.

Können Sie etwas über die Musik zum Film erzählen? Warum die Gruppe Zdob si Zdub?

Ich bin sehr froh darüber, dass Zdob si Zdub diese Musik für den Film machen, weil sie in Osteuropa sehr bekannt sind. Das Interessante für mich war, dass die Burschen von dem Film sehr begeistert waren und ich bin dann darauf gekommen, dass viele von deren Müttern auch im Ausland sind oder illegal in Westeuropa waren.

Der Film hatte bisher eine sehr erfolgreiche Festivalkarriere. Wie waren die Reaktionen der ZuseherInnen?
Was für mich wirklich interessant war, war zum Beispiel, dass Menschen auf mich zugekommen sind und sich für den Film bedankt haben und gesagt haben, dass sie noch nie so etwas gesehen haben. Ich habe zum Beispiel in Toronto festgestellt, dass der Film irrsinnig gut funktioniert hat, weil dort natürlich sehr von Immigration betroffen sind und es ein Teil ihrer Familiengeschichte ist. Es bewegt die Menschen einfach.